Eine Stimmung wie an Rockkonzerten

Die Swiss Life Arena als Erfolgsfaktor In der zweiten Saison im neuen Heim wurden die ZSC Lions erstmals Meister. COO Bruno Vollmer und Architekt Michael Schneider zeichnen den Weg zum erfüllten Stadiontraum nach.

Michael Schneider war sieben, als ihn seine Eltern in Arosa erstmals an ein Eishockeyspiel mitnahmen. Seine Mutter habe ein bisschen Panik gehabt wegen all der Leute, erinnert er sich. Sie hatten danach noch mit Freunden abgemacht, die auch am Spiel waren. «Wenn es fertig ist, eilen wir sofort aus dem Stadion», nahmen sie sich vor, um sich nicht in der Menge zu verlieren. Nach der zweiten Halbzeit, wie sie dachten, stürmten sie nach draussen und warteten auf ihre Freunde. Doch die kamen einfach nicht. Also gingen sie wieder ins Stadion, um zu schauen, was da los war. Die beiden Mannschaften spielten immer noch. Es lief das dritte Drittel.

«Das war meine erste Annäherung ans Eishockey», schmunzelt der Architekt, der heute das Zürcher Büro von Caruso St John leitet. Dass er einmal ein Eishockeystadion bauen würde, erträumte er sich als kleiner Bub wohl noch nicht.

Bruno Vollmer begann mit sieben mit dem Eishockey beim EHC Dübendorf. Mit 16 spielte er bereits mit der ersten Mannschaft von «Dübi» in der Nationalliga B. Später stürmte er neun Jahre für den ZSC in der rauchgeschwängerten Luft des Zürcher Hallenstadions, die letzten drei Saisons als Captain. Mit 30 beschied ihm Präsident Bernd Böhme, dass er keinen neuen Vertrag mehr bekomme. Zuerst habe er die Welt nicht mehr verstanden, so Vollmer. «Aber dann sagte ich mir: Alles kommt so, wie es kommen muss. Das ist meine Lebenseinstellung geworden.»

Ein bisschen Fatalismus braucht es wohl auch, wenn man in der Stadt Zürich ein grosses Sportstadion bauen will. Schon zahlreiche Projekte für eine Hockeyarena waren gescheitert, als Vollmer am 1. Februar 2010 als «Leiter Spielbetrieb» zu den ZSC Lions stiess. Er hatte mündlich schon für einen anderen Job zugesagt, doch als ihn CEO Peter Zahner in der Altjahreswoche anrief, konnte er nicht Nein sagen zum ZSC, seiner alten Liebe. Vollmer übernahm gleich auch den Lead als Projektleiter Stadion, nahm sich allen baulichen und logistischen Aspekten an, Zahner kümmerte sich ums Politische.

«Es ist ein Hockeytempel geworden»

Als er nun als Stadionbetriebsleiter (offiziell: Chief Operating Officer) im Playoff den Titelsturm der ZSC Lions in der Swiss Life Arena erlebte, erfüllte ihn die Atmosphäre mit Stolz. «So hatte ich es mir vorgestellt», sagt Vollmer. «Es ist ein Hockeytempel geworden. Ein Kessel, in dem die Stimmung brodelt. Wir hatten im Playoff teilweise über 110 Dezibel.» Das ist so laut wie an einem Konzert oder wie eine Motorsäge. Auch Architekt Schneider ist im neuen Stadion auf den Geschmack gekommen. Mit seinen 11- und 14-jährigen Töchtern schaut er hin und wieder ein Spiel. Was ihm an der Swiss Life Arena am meisten gefällt, wenn er sie heute besucht, sind die grosszügigen Innenräume, die von überall die Sicht aufs Eis öffnen, wie die beiden Längstribünen dem Eisfeld entlang hoch hinauf führen wie eine riesige Zuschauerrampe im Fussball, die Terrasse als Begegnungsort und die gewellte Fassade aus Sichtbeton, die einen Theatervorhang symbolisiert.

Das renommierte Architekturbüro Caruso St John bekam 2013 den Zuschlag mit seinem Projekt «Theatre of Dreams», von der Bezeichnung her angelehnt ans Old Trafford, die Heimstätte von Manchester United. Ein Kniff, der Caruso St John von den meisten anderen Bewerbern abhob: Man drehte das Eisfeld um 90 Grad, sodass parallel zu den Bahngleisen gespielt wird, also entlang der schmalen Seite. So entstand links und rechts genügend Raum, um auf der einen Seite die Trainingshalle, die Garderoben und Fitnessräume unterzubringen und in Richtung Uetliberg das Stadionrestaurant, die Sportsbar und darauf die Terrasse.

Anders als in den meisten Stadien wie in der Vaudoise Aréna in Lausanne sind die Zuschauer in Zürich also nicht gleichmässig rund ums Eis verteilt. Der obere Rang mit etwas über 3000 Sitzen führt an der Längsseite hoch nach oben. «Ist es steil genug?», sei er von den Bauherren immer wieder gefragt worden, erzählt Schneider. Im obersten Rang wurde die maximal erlaubte Steilheit ausgeschöpft. Nachträglich wurden noch Geländer montiert, um dem Sicherheitsbedürfnis der Besucherinnen und Besucher Genüge zu tragen. Einige Saisonkartenbesitzer, denen es zu steil war, wurden umplatziert.

Klar ist: Die Swiss Life Arena ist kein Stadion ab der Stange. Sein Charakter ist einzigartig. Caruso St John hatte zuvor noch keine Sportarena gebaut, obschon Bürogründer Adam Caruso in Montreal aufgewachsen ist und selbst passioniert Eishockey gespielt hatte. Wie man die Sitze in einem Raum unterbringe, sei Mathematik, sagt Schneider.

«Dafür gibt es Programme.» Das Spezielle sei das Flair eines Stadions, drinnen wie draussen. Gerade bei der Swiss Life Arena, die als Tor zur Stadt Zürich wahrgenommen wird und einen öffentlichen Charakter hat.

Ein Ausflug ins Engadin hat den Architekten überzeugt

Mit den Bullaugen zu den Geleisen und zur Autobahn hin habe man das Monumentale etwas brechen wollen, erklärt Schneider. Der Sichtbeton an der Fassade und dessen Gestaltung prägen das Aussenbild. Praktisch alle Stadien würden heutzutage betoniert, nur für die Aussenverkleidung würden andere Materialien benutzt, so der Architekt.

Bei einem Ausflug ins Engadin, wo er der Bauherrschaft einige Bauwerke des bekannten Schweizer Architekten Valerio Olgiati zeigte, habe er sie vom Sichtbeton überzeugt, sagt Schneider. Selbstkritisch sieht er indes den hohen CO2-Ausstoss bei der Herstellung von Beton. Heute würde er es vielleicht anders machen.

Sein Austausch mit Vollmer, der die Bedürfnisse des Eishockeys einbrachte, war während Jahren sehr intensiv. Der frühere Stürmer ist besonders angetan vom Businessclub, der mit 1200 Mitgliedern ein grosser Erfolg ist, und von der Stimmung im Stadion, angeführt von der Fankurve mit 1400 Plätzen. Der «Limmatblock» ist das Herzstück in der Arena, dessen Choreografien sind aufwendig und manchmal kunstvoll. Wie vor dem dritten Finalspiel, als drei ZSC-Cracks den lang ersehnten Pokal von der gegenüberliegenden Seite symbolisch an einem Seil heranzogen.

Zusammen mit Sportchef Sven Leuenberger und dem Captainteam ersann Vollmer den Teambereich, der für die Spieler keine Wünsche offenlässt. Stolz ist er auf die Garderobenkästchen mit eingebauter Lüftung und Warmluft-Bläsern für die Schlittschuhe. Für ihn ist klar: «Die Swiss Life Arena ist fürs Team ein riesiger Erfolgsfaktor. Endlich haben wir ein Zuhause, in dem wir uns wohlfühlen und selbst wirtschaften können.» Den Spielern fehle es an nichts. «Sogar Marc Crawford, der sich an NHL-Verhältnisse gewöhnt ist, ist hell begeistert. Drüben ist einfach noch alles zwei-, dreimal so gross.»

Schweizermeister wurde Vollmer als Spieler nie. 1990 wechselte er für eine Saison zu Lugano, um den Titel zu holen. Doch dann scheiterten die Tessiner Dominatoren im Final am SC Bern. Fühlt er sich nun im Stadion, das er so stark mitgeprägt hat, auch ein bisschen als Meister? Er hält kurz inne und sagt dann: «Es ist einfach ein wunderschönes Gefühl für uns alle. Ein Kreis schliesst sich. Am meisten gönne ich es Walter Frey, der schon so lange von diesem Stadion geträumt hatte.»